FORECAST: ÖDIPUS
living on a damaged planet (ΤΎΦΛΩΣΙΣ, II) von Thomas Köck
Fotos: Ilija Mess
Die Party ist vorbei – doch der Tanz am Abgrund geht weiter. Das System stinkt, fault und
niemand wird sagen können nicht gewusst zu haben…
warum die Wälder brennen, warum
die Ozeane übersäuern, warum
die Luft nicht mehr zum Atmen reicht –
niemand wird sagen können:
Ich wusste nicht, was da geschieht.
In Thomas Köcks Neufassung von Sophokles’ „König Ödipus“ steht die Frage nach Wissen und Sehen im Zentrum der Stoffbearbeitung. Die Blindheit (τύφλωσις) der Herrschenden ist selbst gewählt. Köck verlegt den antiken Mythos in eine vom Kapitalismus durchdrungene Welt, deren Pest wir selber sind. Die Temperaturen steigen, aber die Party geht weiter. Auf achtspurigen Autobahnen weht bald nur noch Staub und Dürre, Aufstände rücken näher, König Ödipus debattiert mit Schwager Kreon über politische Herrschaftskonzepte und ein wohlstandswutschnaubender Schrumpelchor verlangt Teilhabe an Entscheidungen. Doch Fortschritte, so sagt Iokaste, werden im inneren eines Palastes gemacht nicht draußen in der Alltagsnot.
Pythia, die Stimme des Orakels, fordert einen Systemwandel. Die Ressourcen sind erschöpft, das ungebremste Wirtschaftswachstum hat den Planeten an seine Belastungsgrenze getrieben. Ihr hat Köck eine eigene Stimme gegeben und setzt sie ins Wortgefecht mit ihrem Gegenspieler, dem blinden Seher Teiresias. Teiresias hält am Profit seiner Berater*innentätigkeit fest und verdreht Pythias unbequeme Orakelsprüche in leicht verdauliche Wahrheiten. Denn von Pythias Forderung – der Natur selbst eine Stimme zu geben – wollen Machthaber*innen nichts wissen. Doch das System Laios muss weg, sagt Pythia. Da hilft auch kein
archaisches opferlamm aus vorsintflutlichen zeiten das anstelle des grundsatzproblems
hier jetzt von alten medialen riten durch eine zerissene gesellschaft getrieben werden muss
damit danach alle widersprüche scheinbar aufgehoben
aber bullshit
Und als Ödipus schließlich erkennt: „Es geht hier also nicht um mich“, will er es doch nicht ganz verstehen. Trotz Iokastes bitterer Erkenntnis – dass wir selbst die Krankheit sind – siegt am Ende das Gesetz, das eherne. Sie halten sich an das, was sie wissen. Kreon verbannt den Schuldigen und führt Theben zurück zur alten Ordnung, “forever back to our good old normal”.
"Zu großartigem Theater wird dieser Abend in der Regie von Maike Bouschen nicht, weil er ermahnt und appelliert. Sondern weil er sein Publikum vor sich selbst gruseln lässt. (...) Der Kapitalismus frisst unsere Gefühle auf. Darin liegt die eigentliche Tragödie unserer Zeit." (Johannes Bruggaier, SÜDKURIER)
"Sie inszeniert "forecast : ödipus" als Pop-Techno-Revue und dramatisches Kammerspiel mit Anflügen von moralschwerem Diskurstheater. Ihre vier Schauspielerinnen und vier Schauspieler beherrschen den Wechsel von lässiger Ironie zu sophokleischem Tiefgang." (Julia Nehmiz, NACHTKRITIK)
"Maike Bouschen zeigt in ihrer hier wahrlich grandiosen Regiearbeit, die auch durch humorvolle Töne punkten kann, (...) wie blind und schockstarr viele Politiker auf unserem Planeten doch vor der Wirklichkeit sind und wie unfähig zum Teil, gewisse Konflikte im Sinne des Volkes zu lösen." (Philipp Findling, WOCHENBLATT)
Premiere: 25. April 2025
Theater Konstanz
Regie: Maike Bouschen
Bühne u. Kostüme: Franziska Isensee
Musik: Tim Thielemans
Dramaturgie: Carola von Gradulewski
Licht: Thomas Eggers
Inspizienz: Bernd Oßwald
Regieassistenz: Devin Maler
Ausstattungsassistenz: Elena Wittbusch
Schauspiel: Jasper Diedrichsen, Ruth Macke, Ulrich Hoppe, Michaela Allendorf, Lilian Prent, Thomas Fritz Jung, Mark Harvey Mühlemann, Anne Rohde










