Milch und Kohle
Ruhrgebietsroman von Ralf Rothmann. Fassung Till Beckmann und Maike Bouschen
Fotos: Birgit Hupfeld
„Die wirklich Trauernden erkennt man am Humor.“
Ralf Rothmann findet Worte für die Sprachlosigkeit einer Generation, der die Vergangenheit im Nacken sitzt. Eine fragile Welt, in der sich die Menschen nach ein wenig Wohlstand und Frieden sehnen. Familien verschiedenster Kulturen, Sprachen und Vergangenheiten leben auf engsten Raum miteinander, sowohl unter als auch über Tage. „Hier ist Stadt. Asphaltierte Straßen, nette Nachbarn, ein Fernseher und jeden Samstag Tanz bei Maus!“
Simon Wess ist in dieser Zeit groß geworden. Nach dem Tod seiner Mutter kehrt er in die Wohnung seiner Kindheit zurück. Eine Kindheit mit körperlicher Gewalt und räumlicher Enge. Ein Käfig der Erinnerung umgibt ihn. Im Keller neben dem Kohlevorrat für den Winter hält Simons Vater Kanarienvögel, ohne Licht und frische Luft.
„Die Vögel verstummten. Als ich die Tür aufstieß, beäugten sie mich durch das Drahtgeflecht der Voliere. Dass die harten Bergmänner sich immer mit zartem Zeug umgaben, also mit Kaninchen, Tauben, Kanarienvögeln, Blumen, sagt doch alles.“
Angetrieben von der Suche nach einem Leben, das nicht im Alkohol oder unter Tage endet, erkundet Simon mit seinem besten Freund Pavel das Erwachsenwerden. Gemeinsam entfliehen sie der emotionalen Härte ihrer Elternhäuser und streifen auf einer Zündapp durch die Siedlungen des Ruhrgebiets. Viel lieber wäre er auf auf dem Land aufgewachsen. Hier gibt es nur Schulden, rußige Wäsche und Staublunge. Der Alkohol, ein ständiger Begleiter. Auch für Liesel, Simons Mutter, die vor Gewalt an ihren Kindern nicht zurückschreckt und der Tristesse des Alltags jeden Samstag im Café Maus entflieht. Gino, ein italienischer Gastarbeiter und Arbeitskollege seines Vaters, bringt neue Geschmäcker und Gerüche in die vier Wände. Leichtigkeit, Nähe und Fürsorge, die Liesel gut tun. Zu gut. Denn das Leben stutzt die Träume zurecht, wie wir Menschen die Krallen der Vögel. Simon findet einen Brief seines Vaters Walters wieder, in der er die Gewalt an seiner Ehefrau gesteht. Ein Mann, der als junger Soldat im Krieg bei der SS war und nun unter Tage schuftet. Simons Bruder Traska bekommt immer wieder Anfälle, Absencen. Der Arzt sagt, das sei seelisch. Was das heißt, fragt Traska seinen Vater. „Weiß nicht, hat was mit Gefühlen zu tun.“
Ohne zu werten, erschafft Rothmann einen Kosmos der Risse. Bergschäden, die sich durch die Häuser und Körper ziehen. Das Ruhrgebiet als treibende Kraft des deutschen Wirtschaftswachstums und der bittere Beigeschmack einer Generation, für deren Traumata erst die Nachkommenden eine Sprache gefunden haben.
„Maike Bouschen bringt am Theater Oberhausen Ralf Rothmanns Ruhrgebiets-Roman Milch und Kohle beeindruckend anders auf die Bühne...Ein Clou der Inszenierung ist der eingefügte Sprech- und Bewegungschor junger Frauen, welche mit kurzen Einwürfen auf das Geschehen reagieren und es kommentieren. So ergibt sich ein intensives, fast schon klassisches Stück versuchter Vergangenheitsbewältigung.“ Klaus Stübler, Ruhr Nachrichten
„Wer gerade nicht spielt, klettert die Stangen empor, verknotet sich darin, hängt kopfüber herunter. Ein Käfig, der niemanden entkommen lässt. Ein Käfig für die Kunstfiguren.“ Sarah Heppekausen, nachtkritik.de
„Erst entlockt Tim Weckenbrock als Simon dem Publikum im ausverkauften Großen Haus des Theaters ein paar zaghafte „Oberhausen"-Schlachtrufe - dann zieht er vom Leder gegen die „trostlose" Stadt: „Ein Reversbild des Raubbaus, den man unter ihr, in den Flözen, betrieb, eine Metropole der Unkultur.“ Das allerdings ist nicht zuletzt mit der dunkel-glänzenden Uraufführung von „Milch und Kohle" eindrucksvoll widerlegt. Ralf Rothmann war schließlich selbst dabei und applaudierte von der Bühne einer extragroßen Ensemble-Leistung - und seinem „Alter Ego" Simon."
Ralph Wilms, WAZ
Premiere: 20. September 2024
Theater Oberhausen
Fassung: Till Beckmann und Maike Bouschen
Regie: Maike Bouschen
Bühne u. Kostüme: Franziska Isensee
Musik: Lutz Gallmeister
Dramaturgie: Laura Mangels
Licht: Alexandra Sommerkorn
Mitarbeit Choreinstudierung: Mattia Cedric Meier
Schauspiel: Tim Weckenbrock, Susanne Burkhard, Jens Schnarre, Daniel Rothaug, Philipp Quest, David Lau, Klaus Zwick, Torsten Bauer
Chor: Gizem Aliusta, Hürrem Balaban, Sevda Beser Cidal, Frieda Becker, Lisa Brandenberg, Jorid Disteldorf, Manuela Dost, Sarah Grebe, Sophie Köller, Andrea Wilming

















